Scheidungsanwältin Martina Felser von scheidungsagentur.ch äussert sich im Interview zu aktuellen Themen des Familienrechts wie gemeinsames Sorgerecht und Kindesunterhalt. Sie rät trennungs- und scheidungswilligen Ehepaaren auf „Kampfscheidungen“ zu verzichten und stattdessen gemeinsam konstruktiv nach Lösungen zu suchen.

Seit fünf Jahren gilt die gemeinsame elterliche Sorge auch nach einer Trennung oder Scheidung. Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen damit? Funktioniert das gemeinsame Sorgerecht in der Praxis wirklich? 

Das kommt immer auf die betroffenen Eltern an. Es gibt zahlreiche Eltern, bei denen dies nach der Trennung wirklich gut funktioniert und z.B. auch die Kinderbetreuung hälftig aufgeteilt wird. Aber es gibt natürlich auch diejenigen Fälle, wo die gemeinsame Sorge ein “Papiertiger” bleibt und faktisch keine Bedeutung hat. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Kommunikation zwischen den Eltern nachhaltig gestört ist. Daran kann in der Regel auch das gemeinsame Sorgerecht nichts ändern. In diesen Fällen entscheidet dann faktisch der obhutsberechtigte Elternteil über die meisten Angelegenheiten der Kinder, der nicht-obhutsberechtigte Elternteil bleibt aussen vor. Die “Kampfzone” hat sich daher heute vom Sorgerecht auf die Fragen der Obhut und Kinderbetreuung verlagert. 

Per 1. Januar 2017 ist zudem eine fundamentale Änderung des Kindesunterhaltsrechts in Kraft getreten. Können Sie kurz beschreiben, was sich gegenüber früher geändert hat? 

Vorab wurden beim Kindesunterhalt die Kinder aus ehelichen und nicht-ehelichen Beziehungen gleichgestellt. Dies ist zu begrüssen, war doch die zuvor bestehende Ungleichbehandlung bei der Unterhaltsregelung nicht zu rechtfertigen. Neu eingeführt wurde in diesem Zusammenhang der sog. Betreuungsunterhalt. Dieser Teil des Kindesunterhalts soll die Lebenshaltungskosten des betreuenden Elternteils decken, so dass es diesem Elternteil finanziell trotz Einkommenseinbusse möglich ist, die Kinder persönlich zu betreuen. 

Unterhaltsberechnungen scheinen seit Inkrafttreten des neuen Rechts sehr kompliziert geworden zu sein. Trifft das zu? Was muss alles beachtet werden? 

Ja, Unterhaltsberechnungen sind in der Praxis selbst bei scheinbar “einfachen” Fällen sehr komplex und können nur noch von Fachpersonen korrekt durchgeführt werden. Diese Entwicklung ist an sich zu bedauern, bleibt doch auch eine fachtechnisch korrekte Unterhaltsberechnung für die Betroffenen heute oft nur schwer nachvollziehbar. Dies ist dem Rechtsfrieden sicher nicht dienlich. Wir müssen jedoch aktuell mit dieser Situation leben und bieten daher bei scheidungsagentur.ch eine gerichtsübliche Unterhaltsberechnung für pauschal CHF 350 zzgl. MWST an. Dieses Angebot stösst auf sehr grosses Interesse. 

Im September 2018 hat das Bundesgericht einen wichtigen Entscheid zur Berufstätigkeit des betreuenden Elternteils gefällt. Was gelten hier nun genau für Regeln?

Das Bundesgericht hat entschieden, dass der kinderbetreuende Elternteil (in der Praxis nach wie vor oft die Frau) ab der obligatorischen Einschulung  des jüngsten Kindes (i.d.R. mit 4 Jahren) wieder zu 50% arbeiten gehen muss. Mit Eintritt des jüngsten Kindes in die Sekundarstufe (i.d.R. mit 12 Jahren) muss das Pensum auf 80% aufgestockt werden. Ab vollendetem 16. Lebensjahr des jüngsten Kindes muss wieder zu 100 % gearbeitet werden. Falls die betreffende Person diese Arbeitspensen nicht erreicht, wird ihr regelmässig ein entsprechendes hypothetisches (fiktives) Einkommen aufgerechnet. Diese Rechtsprechung wird zwar nicht sämtlichen Problempunkten gerecht (z.B. Betreuung während Schulferien). Da sie insbesondere dem Interesse der Gleichstellung von Frau und Mann dient, ist sie dennoch zu begrüssen.  

Wer profitiert Ihrer Ansicht nach von den neuen Regelungen und wer verliert? 

Wie erwähnt, dient dieser Entscheid der Gleichstellung von Frau und Mann. Es profitiert also niemand einseitig und es verliert auch niemand nur. Es kommt aber stark auf den Einzelfall an, deshalb sind pauschale Aussagen dazu schwierig. Sicher wird mit dieser neuen Praxis ein Anreiz für die Eltern gesetzt, sich nach der Geburt der Kinder nicht aus dem Arbeitsleben zu verabschieden. Ebenso ist heute klar, dass “lebenslängliche” Scheidungsrenten für Ex-Ehefrauen ausgedient haben. Es wird von den Gerichten viel stärker auf die wirtschaftliche Selbständigkeit der Ex-Partner nach der Trennung und Scheidung gesetzt. Auch dies ist im Sinne der Gleichstellung von Frau und Mann zu unterstützen. 

Was raten Sie einem “durchschnittlichen” Ehepaar mit Kindern, das sich trennen bzw. scheiden lassen will? 

Eine einvernehmliche Trennung bzw. Scheidung ist meist der zu bevorzugende Weg. “Kampfscheidungen” lohnen sich selten und lassen auf allen Seiten nur Verlierer zurück, gerade wenn der Streit auf dem Buckel der Kinder ausgetragen wird. Das Angebot von scheidungsagentur.ch richtet sich deshalb vorab an Paare, die sich einvernehmlich trennen bzw. scheiden lassen wollen, die aber fachliche Hilfe bei den komplexen Rechtsfragen brauchen (z.B. Formulierung der Konvention, Unterhaltsberechnung, Berechnung der güterrechtlichen Ansprüche, etwa bei gemeinsamem Wohneigentum etc.). Es ist heute kaum noch möglich, eine Trennung oder Scheidung ohne fachliche Hilfe durchzuführen, gerade wenn Kinder oder Wohneigentum im Spiel sind. 

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